Wissenschaft

Aktuelle Meldungen

03.05.2018

Engpass in der Antibiotika-Versorgung – kaum zu glauben, aber lösbar

Engpass in der Antibiotika-Versorgung – kaum zu glauben, aber lösbar

Im Oktober 2016 kam es bei einem ostchinesischen Arzneimittelhersteller zu einer folgenschweren Explosion. Danach fehlte weltweit ein Grundstoff, der für die Herstellung von Piperacillin/Tazobactam benötigt wird, einem vor allem bei schweren Infektionen unverzichtbaren Antibiotikum. Lieferengpässe waren die Folge.

Zu den Betroffenen gehörte auch das Universitätsklinikum Frankfurt. An der Klinik mit 1300 Betten wurde das Medikament monatlich etwa 5400 Mal eingesetzt. Als der Hersteller mitteilte, dass er die Lieferungen um ein Drittel einschränken müsse, informierte die Klinikapotheke das Antibiotic Stewardship (ABS)-Team, das seit 2016 Ärzte beim Antibiotika-Einsatz in der Klinik berät. Es erstellte daraufhin einen Notfallplan.

Piperacillin/Tazobactam war fortan für die Klinikärzte nur noch auf Sonderrezept erhältlich. Der Einsatz des Antibiotikums wurde auf bestimmte Infektionen beschränkt, bei denen es kaum Alternativen gab. Dies waren schwere Lungenentzündungen und komplizierte Infektionen. Darüber hinaus erhielten Kinder im Rahmen einer empirischen Antibiotikatherapie bei einer Chemotherapie-bedingten Abwehrschwäche den Wirkstoff weiterhin. Auch bei Nachweis bestimmter Problemerreger konnten die Ärzte weiterhin auf Piperacillin/Tazobactam zurückgreifen.

Der Notfallplan ging auf – sogar besser als erwartet. Wie das ABS-Team um Professor Christoph Stephan in der DMW berichtet, wurde der Einsatz von Piperacillin/Tazobactam schon in der ersten Woche um 71 Prozent gesenkt. Der Einspareffekt blieb in den folgenden Wochen erhalten, sodass das ABS-Team die Restriktionen lockern konnte.

Nachteile für die Patienten haben sich im Rahmen der Maßnahmen nicht ergeben. So blieb laut Professor Stephan der befürchtete Anstieg von Darminfektionen mit Clostridium difficile aus. Dazu hätte es kommen können, weil viele Patienten statt mit Piperacillin/Tazobactam mit sogenannten Breitband-Antibiotika behandelt wurden. Diese können bei der Wirkstoffaufnahme über den Darm die dort befindlichen Darmbakterien zerstören und eine anschließende Vermehrung von Clostridium difficile begünstigen. Dieser Keim kann durch Bildung von Toxinen lebensgefährliche Komplikationen auslösen. Das Ausbleiben solcher Darminfektionen könnte laut Professor Stephan auf den insgesamt überlegten und maßvollen Einsatz der Antibiotika zurückzuführen sein.

Auch die Zahl lebensbedrohlicher Blutinfektionen ist laut Professor Stephan nicht angestiegen. Bei einigen Infektionen kam es durch den überlegteren Einsatz von Antibiotika sogar zu einem leichten Rückgang.

Darüber hinaus wirkten sich die Maßnahmen des ABS-Teams finanziell positiv aus: Obwohl die Preise für Piperacillin/Tazobactam durch den Mangel um 67 Prozent gestiegen waren, konnte die Klinik ihre Antibiotika-Ausgaben insgesamt um 13 Prozent senken. Dies war laut Stephan zum einen dem Rückgang des Antibiotika-Einsatzes um fast sechs Prozent zu verdanken. Zum anderen lagen die Preise einiger alternativer Antibiotika unter dem von Piperacillin/Tazobactam. Das positive Fazit: Trotz der leicht angestiegenen Personalkosten hat die Klinik unter dem Strich Einsparungen erzielt.

Professor Stephan rechnet damit, dass in Zukunft ähnliche Maßnahmen notwendig werden. Die Zahl der Lieferengpässe bei Arzneimitteln habe in den letzten Jahren weltweit zugenommen. Die Ursachen sieht der Infektiologe in der zunehmenden Verlagerung der Produktion in Niedriglohnländer. Zudem werde die Herstellung wichtiger Medikamente immer häufiger auf wenige Standorte konzentriert, sodass bei plötzlichen Produktionsschwierigkeiten alternative Anbieter fehlen könnten.

  1. Kessel, B. Dolff, T. Wichelhaus, N. Keiner, M. Hogardt, C. Reinheimer, I. Wieters, S. Harder, V. A. J. Kempf, C. Stephan, für das Antibiotic-Stewardship-Team (UKF): Piperacillin/Tazobactam-Lieferengpass: Zentrale Restriktion und Alternativempfehlungen als effektive Antibiotic-Stewardship-Maßnahme an einem Klinikum der Maximalversorgung. DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2018; 143 (8); e59-e67