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19.12.2017

Kochsalz, Mikrobiom und Blutdruck – Joghurt gegen Hypertonie?

Medizinische Kurznachrichten der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie
(Prof. Helmut Schatz, Bochum)

Kochsalz, Mikrobiom und Blutdruck – Joghurt gegen Hypertonie?


Hannover, 9. Dezember 2017:

Zu kaum einem anderen ernährungsmedizinischen Thema gibt es so viele Mythen wie über den Zusammenhang von Kochsalz und Bluthochdruck. Eine neue Studie (1) könnte nun eine Erklärung liefern, warum der Bluthochdruck bei manchen Menschen durch Salz ansteigt und bei anderen nicht. Die kürzlich in der Zeitschrift NATURE publizierte Studie des Max-Delbrück-Zentrums für Molekulare Medizin in Zusammenarbeit mit der Charité Berlin deutet auf einen Zusammenhang zwischen salzreicher Ernährung, Darmmikrobiom, TH17-Immunzellen und Blutdruck hin.

Zunächst beobachteten die Wissenschaftler, dass sich bei Mäusen, deren Futter eine um vier Prozent erhöhte Salzkonzentration aufwies, das Darmmikrobiom veränderte. Besonders markant war dabei die Verminderung des Milchsäurebakteriums Lactobacillus murinus (L. murinus). Diese Verminderung ging Hand in Hand mit einer Vermehrung von TH17-Immunzellen und einem Anstieg des Blutdrucks. TH17-Immunzellen stehen im Verdacht, den Blutdruck zu erhöhen und Entzündungsprozesse zu begünstigen (2). Im nächsten Schritt der Studie konnte dann gezeigt werden, dass Zufuhr von L. murinus mit der Nahrung sowohl die durch salzreiche Kost verursachte Vermehrung der TH17-Immunzellen als auch den Blutdruckanstieg verhindert.

In einer kleinen Pilotstudie mit zwölf Probanden untersuchten die Wissenschaftler anschließend, ob diese Ergebnisse auch auf den Menschen übertragbar sind. Die Umstellung der Probanden auf eine sehr salzreiche Ernährung mit 14 Gramm Kochsalz pro Tag (die WHO empfiehlt eine Salzaufnahme von 5-6 Gramm pro Tag) führte sowohl zu einem Blutdruckanstieg als auch zu einem Rückgang von L. murinus im Darm. Jene Probanden, die zusätzlich zu der salzreichen Kost ein Probiotikum mit Milchsäurebakterien erhielten, zeigten jedoch keinen Blutdruckanstieg. Die Milchsäurebakterien scheinen also auch bei Menschen zu verhindern, dass salzreiche Lebensmittel den Blutdruck erhöhen.

Die individuelle Zusammensetzung des Darmmikrobioms könnte somit darüber entscheiden, wie sich Kochsalz auf den Blutdruck auswirkt. Die regelmäßige Aufnahme von Laktobazillus mit der Nahrung könnte vor diesen unerwünschten Salzeffekten schützen. Laktobazillus wird auch für die Herstellung fermentierter Milchprodukte wie zum Beispiel Joghurt genutzt. Bereits seit einigen Jahren wird die Bedeutung der menschlichen Darmbakterien für die Entstehung von Bluthochdruck diskutiert (3).

Zudem liefern die aktuellen Studienergebnisse eine mögliche Erklärung dafür, weshalb der Blutdruck bei verschiedenen Menschen unterschiedlich empfindlich auf die Kochsalzzufuhr mit der Nahrung reagiert. Die Zusammensetzung des jeweiligen Darmmikrobioms könnte der Schlüssel dazu sein.

 Kommentar: Joghurt gegen Bluthochdruck?

Die Ergebnisse könnten sich als wegweisend für die zukünftige Forschung erweisen, mit möglicherweise gravierenden Konsequenzen für die praktischen Ernährungsempfehlungen. Bevor nun aber der Rat gegeben wird, die negativen Folgen einer salzreichen Ernährung durch einen Joghurt zwischendurch zu kompensieren, müssen natürlich noch weitere, große Studien folgen. Ein paar Mäuse und zwölf Probanden sind hier nicht besonders viel. Doch die Ergebnisse sind derart schlüssig und werden durch weitere immunologische Parameter bestätigt, sodass sich vermutlich ein ganz neuer Ansatz zur Prävention der Hypertonie auftun wird.

Bei der Diskussion über den schädlichen Einfluss von zu viel Salz auf das Herz-Kreislauf System sollte nicht vergessen werden, dass auch die Aufnahme von zu wenig Salz Herzkreislauf-Ereignisse und Gesamttodesfälle sowohl bei Menschen mit als auch bei Menschen ohne Bluthochdruck erhöht (4).

Klaus-D. Döhler, Hannover