Meinung aktuell



16.12.2018

Meine Forderung nach dem hippokratischen Eid für Wissenschaftsjournalisten

Jean Pütz fordert „hippokratischen Eid für Wissenschaftsjournalisten“

Zwei Wissenschafts-Ikonen in Münchens Hall of Fame: Wolfgang M. Heckl, Generaldirektor Deutsches Museum und Träger des Eduard-Rhein-Ehrenrings, mit dem Eduard-Rhein-Kulturpreisträger 2018 Jean Pütz, Erfinder der WDR-Hobbythek. (c) Goede
Der Erfinder der legendären „Hobbythek“ wurde im Ehrensaal des Deutschen Museums mit dem Eduard-Rhein-Kulturpreis 2018 ausgezeichnet. Pütz ist TELI-Mitglied. Eduard Rhein, ein begnadetes Multi-Talent des 20. Jahrhunderts, gehörte ebenfalls der TELI an. Mit Blick auf die Innovationshöhe der Preisträgerleistungen, Location und das Festambiente hat der Wissenschafts-Event fast den Charakter eines Deutschen Nobelpreises.

In seiner Begrüßung ehrte Wolfgang M. Heckl, Generaldirektor des Deutschen Museums, den Preisträger als „Ikone der Wissenschaftsvermittlung und des Wissenschaftsjournalismus“. „Wir alle sind mit Jean Pütz und der Hobbythek aufgewachsen“, sagte er. Heckl lobte den unterhaltsamen Ton von Pütz und seinen Fernsehsendungen und schlug eine Brücke zum Deutschen Museum: „Bereits Oscar von Miller, der Erbauer unseres Museums, wollte Wissen mit Spaß aufbereiten.“

Pütz’ Markenzeichen: Rausche-Schnurrbart

TV-Moderatorin Nina Ruge führte durch den Festakt mit 150 Ehrengästen aus Wissenschaft, Technologie und Kultur. Im Interview mit Jean Pütz hatte sie Mühe, den vor Energie und Redelust überschäumenden Preisträger zu bändigen, der sich selbst als „Rampensau“ bezeichnet. Mit seinem rauschigen Schnurrbart, so wie er jahrzehntelang der Nation auf dem Bildschirm entgegengetreten war, ist der Mann weiterhin ein ebenso vertrauter wie markanter Blickfang.

Moderatorin Nina Ruge im Interview mit Jean Pütz. Ihr Kommentar: “Jean, jetzt hast du fast deine eigene Laudatio gehalten.” (c) Goede

Pütz betonte wiederholt die herausragend wichtige Rolle des Wissenschaftsjournalismus in der Gesellschaft: „Unentbehrlich für die Demokratie in Zeiten von Postfaktisch und Fake News1“, ließ sich der Fernsehjournalist und Moderator im Festprogramm zitieren. Bad News in Good News umzuwidmen, wie es im Reaktionsalltag so häufig geschehe, sei ein Irrweg, rief er in den Saal. Stattdessen: „Journalisten müssen über den Tellerrand hinausblicken, den Politikern die Leviten lesen, Zivilcourage zeigen.“ Als Beispiel für seine Kritik nannte er die Dieseldebatte und „die Verteufelung des effizientesten aller Motoren mit schwachsinnigen Grenzwerten“.

Pütz‘ Credo #1: Bürger beteiligen an der Wissenschaft!

Insbesondere Journalisten seien der Wahrheit verpflichtet, verlangte der Eduard-Rhein-Preisträger. „Indem wir nur das schreiben, was wir auch begriffen haben“, präzisierte er und setzte seiner Forderung das i-Tüpfelchen auf: „Wir brauchen einen hippokratischen Eid für Wissenschaftsjournalisten!“

Seine Kultsendung Hobbythek, 350mal gesendet in 30 Jahren, nannte Pütz „ein trojanisches Steckenpferd“. Mit Alltagsbeispielen aus Wissenschaft und Technik, demonstriert mit unterhaltsamen Experimenten, wollte er Lust auf Wissenschaft machen und zum Selbermachen animieren. Dies mit der demokratischen Überzeugung, dass Wissenschaft Herrschaftswissen bleibe, „wenn der Mensch nicht beteiligt wird, damit er verstehen kann“. Dabei dürften viele erkennen, dass „sie schlauer sind, als sie bisher dachten“.

Jean Pütz mit dem Geschäftsführenden Stiftungsvorstand Hans Joachim Grallert (l.), daneben die Jury: Norbert Lossau (Welt), der die Laudatio hielt, Ulrich Bleyer (Urania), Reinhard Hüttl (Helmholtz-Zentrum). (c) Goede

Pütz’ Credo #2: Naturwissenschaftliche Bildung – Grundlage der Demokratie!

„Ich stinke gegen das Postfaktische bereits seit 15 Jahren an“, erklärte Pütz, in Anspielung auf US-Präsident Trump. Und mit Bezug auf unsere moderne technologiegetriebene Zivilisation: „Wenn wir dem Turmbau zu Babel nicht mit Vernunft beikommen, stürzt er zusammen.“ Naturwissenschaftliche Bildung und Logik seien die Grundlage der Demokratie. Sonst müsse man alles glauben, was einem vorgesetzt werde, und werde anfällig für Demagogie.

Die Laudatio auf Jean Pütz hielt Norbert Lossau, Ressortleiter Wissenschaft bei der Welt-Gruppe. Er umriss des Preisträgers journalistisches Lebenswerk mit insgesamt 3000 TV-Sendungen über Wissenschaft und Technik, dazu 80 populärwissenschaftliche Bücher mit einer Auflage von mehr als sechs Millionen. Lossau verwies auch auf Pütz‘ Verdienste um die Wissenschaftspressekonferenz WPK als Mitgründer und dreizehn Jahre lang als Vorsitzender. Derzeit toure er mit der Pütz-Munter-Show durchs Land und begeistere Groß und Klein mit seinen Experimenten. Bei Facebook sei er ein Medienereignis mit 35.000 Followern2.

Rajiv Laroia, Eduard-Rhein Technologie-Preisträger 2018 für die 4. Mobilfunkgeneration. (c) Goede

Rhein: Erfinder und ein großer Blattmacher

Jean Pütz ist gelernter Ingenieur mit wissenschaftlich-technischem Durchblick, leidenschaftlicher Journalist und unermüdlicher Aufklärer, mit scharf-analytischem Blick auf die Probleme im Grenzgebiet von Wissenschaft und Gesellschaft. Mit seinen mittlerweile 82 Jahren, mit denen er gerne ein wenig kokettiert, versprüht er die Energie einer ganzen Redaktionsmannschaft. Seit langem ist er auch ein treues Mitglied der TELI, der weltältesten Organisation von Technik- und Wissenschaftsjournalisten, die ihm auf diesem Wege ganz herzlich zum mit 10.000 Euro dotierten Eduard-Rhein-Kulturpreis gratuliert.

Mitglied der 1929 in Berlin gegründeten TELI war auch Eduard Rhein, der 1936 aufgenommen worden war3. Erfinder und Journalist, Künstler und Schriftsteller, ein begnadetes Multi-Talent. Als Begründer der Hörzu mit Auflagenspitzen von 4,5 Millionen gehört er zusammen mit Henri Nannen, Rudolf Augstein und Axel Springer zu den großen Blattmachern der Bundesrepublik.

Stiftungspreisträger: Zuse, Maddox, Fest, Berners-Lee

Mit technischer Raffinesse verdoppelte er die Abspieldauer der Langspielplatte und machte damit ein Vermögen, mit dem er die Eduard-Rhein-Stiftung ins Leben rief4. Mit einem Kapital von zehn Millionen Euro gilt sie als größte europäische Stiftung für Informationstechnologie.

Seit 1979 vergibt sie Preise an bedeutende IT-Pioniere, darunter Konrad Zuse (1995), den WWW Schöpfer Tim Berners-Lee (1998), MP3-Erfinder Karl-Heinz Brandenburg (2015, der auch dem 2018-Festakt beiwohnte). Zu den Kulturpeisträgern gehören außer Pütz der Tagesthemen-Moderator Joachim Friedrichs (1987 Sonderpreis), TV-Quizmaster Hans-Joachim Kuhlenkampff (1989), Nature-Chefredakteur Sir John Maddox (1997), der Publizist Joachim Fest (1999), Sendung-mit-der-Maus-Erfinder Armin Maiwald (2002), Wikipedia-Begründer Jimmy D. Wales (2010). Der Preisstifter starb 1993 im Alter von 93 Jahren, bis zuletzt prominent im öffentlichen Leben stehend.

Eduard-Rhein-Jugendpreisträger 2018: Lukas Ruf und Mai Saito (sichere Kommunikation); Jonas Wanke und Yorick Zeschke (akustische Navigation), umrahmt von Heckl, Grallert, Sven Baszio, Geschäftsführender Vorstand Jugend forscht (r.). (c) Goede

Perspektive: Junge Wilde am Start

Den Technologiepreis 2018 erhielt der Inder Rajiv Laroia für seine Verdienste um die Fortentwicklung des Mobilfunks in der vierten Generation. Mit dem Stiftungs-Jugendpreis wurden im Rahmen von Jugend forscht Lukas Ruf und Mai Saito ausgezeichnet für die „Don’t Spy – Sichere Kommunikation im Team“ Software; außerdem Jonas Wanke und Yorick Zeschke für ein akustisches Navigationssystem. Letzterer, 15 Jahre jung und sehbehindert, überzeugte mit beeindruckender technischer Detailkenntnis und starker öffentlicher Präsenz.