Meinung aktuell



23.08.2018

„Senolytischer Cocktail“ ? - Beim Experten nachgefragt

Lieber Dr. Wiemer,

vielen Dank für diese medizinisch-philosophischen Gedanken, denen ich 100%ig zustimme. Allerdings, wenn Sie sich mit den Baden des Mittelalters vergleichen, finde ich, stellen Sie Ihr Licht aber zu sehr unter den Scheffel. In letzter Zeit habe ich anlässlich eines Beinbruchs  erfahren, welche Hochkunst die moderne Chirurgie entwickelt hat.

Noch ein Wort zu dem angesprochenen Zelltod: Dem Autor einer Zeitung, die mich nach meiner Einstellung zum Tod befragte, habe ich geantwortet: Er ist ein notwendiges Übel.

Bei etlichen Begräbnissen, denen ich in letzter Zeit beiwohnte, die bereichert wurden durch Kindergeschrei, habe ich begriffen, weshalb wir alle sterben müssen, nämlich um unseren Kindern und Kindeskindern eine Chance zu geben.

Mit freundlichen Grüßen

Jean Pütz



Sehr geehrter Herr Pütz,

Lieber Herr Jean Pütz,

dankend lese ich Ihre Artikel, kann ich so als „einfacher Unfallchirurg“ doch über meinen Horizont schauen.

„Chirurgen“  - und erst recht „Unfallchirurgen“ sind ja in den Augen traditioneller Mediziner keine Ärzte sondern Nachfahren der mittelalterlichen Bader. Als solcher bin ich auf mein Wissen, meine Erfahrung und mein handwerkliches Geschick angewiesen.

Zu Ihrem Artikel: Einschätzen kann ich diesen wissenschaftlich auch nicht. Allgemein halte ich es da auch mehr mit Seneca mit der Beobachtung im allgemeinen Leben: Auch der übelste Tyrann konnte mit all seinen Taten seinem eigenen Tod letztendlich nicht entkommen  --  das find ich sympathisch an „alternden Zellen“.  -  Wenn ich auf die Despoten unserer Tage schaue, sollte dieser Prozess unbedingt erhalten bleiben … Das zum Tode führende Altern ist auch ein reinigender Effekt, ich glaube unsere Mutter Erde hat sich so schon von manchen Ungestalten, Fehlentwicklungen und Fehlbildungen befreien können…

Ich als Unfallchirurg kann „nur“ kaputte Knochen zusammen schrauben, auch wenn sie schon manchmal alt sind. Menschliche Zuwendung und Fürsorge bringt dann  nach meinen Erfahrungen auch viel „Wiederaufblühen“.

Die westliche Medizin entwickelt sich immer mehr zu einer kontaktlosen Robotermedizin mit Zertifizierungen und Codierungen (à Personal ist zu teuer). Vielleicht sollte mal auf zellmolekularer Basis nach gesehen werden, ob es hier einen nachweislichen Effekt gibt nach intensiver Zuwendung, Fürsorge, Berührung (! Händchen halten) . „Berührung“ ist natürlich unter Hygieniker ein hochriskantes Unterfangen (MRSA &Co lassen grüßen).   Wir alle aber wissen, welchen Effekt das „Händchen-Halten“ hatte, als wir als kleine Kinder mal krank waren und die Mutter da war. Oder als wir das erste mal verliebt waren und mit der Angebeteten das erste mal „Händchen-haltend“ ausgingen …  Lymphdrainage jedenfalls hat einen „gesundmachenden“  Effekt.

Soviel zur Philosophie eines Chirurgen, der im Laufe seines Lebens wirklich jedes Organ eines Menschen mit Fingerspitzengefühl berührt hat, die „Seele“ zwar nicht gefunden aber erspürt hat.

„surgical wisdom lies in avoiding doing more

when less is sufficient”   ---  wie wahr, wie wahr ! leider weiß ich nicht den Autor dieser reifen Chirurgenerkenntnis.

Ich verbleibe mit herzlichen Grüßen, mich schon jetzt auf Ihren nächsten Artikel freuend!

Immer gern zu einem „studium generale“ bereit!

Ihr Christoph Wiemer

Dr. med. Christoph Wiemer

Facharzt für Chirurgie, Visceralchirurgie

spezielle Unfallchirurgie,  D-Arzt

geprüfter Gutachter

Chefarzt der Chirurgischen Abteilung

Evangelisches Krankenhaus Castrop-Rauxel

Grutholzallee 21

44577 Castrop-Rauxel